Bundesrat darf die SRG nicht am Volkswillen vorbeiregulieren

Die Vox-Analyse und das deutliche Nein zur Halbierungsinitiative zeigen: Das Volk will eine starke SRG. Sie mit der neuen Konzession weiter einzuschränken, würde auch ihre digitale Präsenz schwächen. Ein Gastbeitrag von Mark Balsiger. 

Zu Abstimmungskämpfen gehören eingängige Botschaften, Halbwahrheiten und Lärm. Die meisten Stimmbürgerinnen und Stimmbürger können damit umgehen. Wenn der Pulverdampf sich gelegt hat, folgt jeweils die Vox-Analyse. Seit 1977 beleuchten diese Nachbefragungen zu den eidgenössischen Vorlagen die Motive des Volkes.

Der zentrale Befund der Vox-Analyse über die SRG-Halbierungsinitiative: 66 Prozent der rund 3300 Befragten wollen eine starke, unabhängige SRG, weil sie eine sachliche und sachgerechte Information als Teil der direkten Demokratie einstufen.

Dieser Befund kontrastiert mit dem, was Bundesrat Albert Rösti am Abstimmungssonntag vor den Medien sagte. Er redete, als hätte es ein knappes Nein gegeben. Wer genau hinhörte, stellte fest: Rösti deutete das Ergebnis um. Er hält daran fest, die neue Konzession der SRG zu schärfen. So soll etwa das Online-Angebot reduziert werden. Das irritiert, denn 61,9 Prozent Nein sind ein klarer Volksauftrag.

Dass diese Agenda bereits unter Röstis Vorgängerin Simonetta Sommaruga begonnen hatte, stimmt nicht. Das belegt ein internes Dokument des Kommunikationsdepartements (Uvek) aus dem Jahr 2022, das die «Republik» gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz einsehen konnte und am letzten Wochenende publik machte. Dort steht, dass das Angebot der SRG ausgebaut werden sollte, weil die privaten Medienverlage stark unter Druck seien. Das Uvek kam also zum Schluss, dass nicht eine Senkung der Gebühren von 335 auf 300 Franken, wie vom Bundesrat inzwischen durchgesetzt, sondern vielmehr eine Erhöhung richtig wäre.

Doch die SRG muss bis 2029 ihr Budget um 17 Prozent reduzieren. Das hat der Bundesrat mit der vierten Gebührenreduktion seit 2015 entschieden. Dieses Sparprogramm dünnt das Angebot aus. Die Streichung von «G&G – Gesichter und Geschichten» und des «Wissenschaftsmagazins» von Radio SRF war erst ein Anfang.

Nur wenige Tage nach der Volksabstimmung, in der Fragestunde des Nationalrats: Parlamentsmitglieder wollen in 12 verschiedenen Vorstössen wissen, wie es weitergeht mit der SRG, mit der Konzession, mit der Online-Präsenz. Der Bundesrat «beantwortet» alle mit exakt demselben Wortlaut, auf die individuellen Punkte geht er nicht ein. Das klingt so: «Der Bundesrat hat die Eckwerte der neuen Konzession bereits am 7. September 2022 festgelegt. (…) Die Ausgestaltung der neuen Konzession steht derzeit aus. Sie wird nun erarbeitet.» Das sei eine Geringschätzung des Parlaments, kritisieren langjährige Mitglieder.

Ein Medienhaus, das digital kein überzeugendes Angebot hat, verliert sein Publikum. Fakt ist: Menschen im Alter bis 55 konsumieren Medien inzwischen mehrheitlich digital. Wenn der Bundesrat ausgerechnet dort Grenzen setzt, wo die Öffentlichkeit heute stattfindet, schwächt er die demokratische Debatte. Ende letzten Jahres sagte Rösti gegenüber «20 Minuten»: «Die SRG muss online präsent sein, sonst verliert sie die junge Generation und hat keine Zukunft.» Bingo!

Wenn sich die Branche heute Donnerstag in Luzern zum Swiss Media Forum trifft, sollten die Leader der privaten Medienverlage die Realität erkennen: Streamingdienste wie Netflix & Co. sind die wahren Konkurrenten. Die SRG ist kein Störfaktor, sondern ein Anker für das breite Publikum. Der Medienminister täte gut daran, seine Agenda der scheibchenweisen Demontage zu überdenken, zumal das von Röstis SVP gern beschworene «Volch» etwas anderes will.

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Mark Balsiger, seit 2002 selbständiger Kommunikationsspezialist, ist Initiant und Geschäftsführer der Allianz Pro Medienvielfalt, die in den letzten vier Jahren gegen die Halbierungsinitiative gekämpft hatte. Zu ihr zählen 8000 Einzelpersonen und 35 Organisationen.

Dieser Gastkommentar ist heute in den Tamedia-Zeitungen und -Portalen erschienen, zum Beispiel im «Tages-Anzeiger».

Fotos: clipdealer/BK

Drei Franken pro Monat stärken die Kaufkraft nicht

Der Bundesrat hat auf Vorschlag von Medienminister Albert Rösti entschieden, die Haushaltabgabe von 335 auf 300 Franken pro Jahr zu reduzieren. Das geschieht mit einer Verordnung, nicht zu verwechseln mit einem Gegenvorschlag, der seitens des Bundesrats oder des Parlaments erarbeitet werden kann. (Der Bundesrat lehnt die Halbierungsinitiative allerdings ab – immerhin.)

Die Allianz Pro Medienvielfalt, die von der Bewegung Courage Civil initiiert wurde, lehnt eine weitere Reduktion der Haushaltabgabe ab. Wenn ein privater Haushalt 35 Franken pro Jahr – keine drei Franken pro Monat! – weniger bezahlt, stärkt das die Kaufkraft nicht spürbar.

Für die SRG hat die Gebührenreduktion gravierende Folgen: Nachdem sie seit 2018 bereits ein Sparpaket in der Höhe von 120 Millionen Franken verkraften musste, bedeutet der jüngste Entscheid, dass ihr Budget um mindestens 170 Millionen Franken pro Jahr schrumpft. Das hat Auswirkungen auf Programme, Vielfalt und Anzahl Arbeitsplätze.

Wir haben dieser Tage unsere Stellungnahme zuhanden des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) eingereicht. Sie ermuntert andere Akteure und Einzelpersonen, dasselbe zu tun. Dazu berechtigt sind grundsätzlich alle, die Eingaben dürfen inhaltlich vergleichbar sein. Die Vernehmlassung läuft noch bis am 1. Februar 2024.

Unsere Stellungnahme Vernehmlassung (PDF)

Mediengesetz stärkt Presserat sowie die Aus- und Weiterbildung im Journalismus

Je lauter eine Abstimmungskampagne wird, desto wichtiger ist es, klar und faktenbasiert zu argumentieren. Aus diesem Grund schaltet sich die Bewegung Courage Civil beim Mediengesetz ein, setzt einen Kontrapunkt zu den Schlagworten und fokussiert in ihrer Kampagne auf weitere Pluspunkte, die für ein Ja sprechen.

Die Bewegung Courage Civil, die vor vier Jahren aus dem Kampf gegen «No Billag» entstand, positioniert sich zum Mediengesetz. Mit ihrer eigenständigen Kampagne fokussiert sie auf Aspekte, die bislang kaum diskutiert wurden: die Stärkung der Aus- und Weiterbildung im Nachrichtenjournalismus und die Stärkung des Presserats. «Diese Massnahmen sind wirkungsvoll und wichtig, die Kosten mit maximal 28 Millionen Franken pro Jahr bescheiden», sagt Vorstandsmitglied Anaël Jambers.

Aus der Sicht von Courage Civil ist es richtig, dass Vereine und Stiftungen ihre Magazine künftig zu reduzierten Posttaxen verschicken können. Davon profitieren mehrere hundert Organisationen, von der Rega bis zum WWF. «Sie alle leisten einen Beitrag zum Kitt unserer Gesellschaft», argumentiert Jambers.

Dass im Sog der «Republik» neue Online-Medien entstehen wie zum Beispiel die «Hauptstadt» in Bern, ist positiv und stärkt die Medienvielfalt. Die Anschubfinanzierung ist mit höchstens 30 Millionen Franken pro Jahr moderat. Die Höhe der Förderung ist direkt gekoppelt an die Einnahmen eines jeden Projekts (Abo, Spenden, Unterstützungsbeiträge von Dritten). Zum Vergleich: Die Bauern erhalten seit einer halben Ewigkeit jährlich 2,8 Milliarden Franken, früher waren es 3,5 bis 4 Milliarden – niemand spricht deswegen von Staatsbauern.

Die direkte Unterstützung der neuen Online-Medien ist auf sieben Jahre limitiert.

Am 13. Februar geht es um die mediale Grundversorgung

Das Mediengesetz umfasst neun verschiedene Teile. Aus der Sicht von Courage Civil sind nicht alle befriedigend, in der Summe überwiegen die soliden Teile aber klar. Ein Ja gibt den Lokal- und Regionalzeitungen sieben Jahre lang Zeit, ihre Geschäftsmodelle anzupassen. Die neuen Online-Medien haben wiederum die Chance, sich in dieser Zeitspanne zu etablieren.

Bei der Abstimmung am 13. Februar geht es auch darum, kleine unabhängige Medienhäuser zu stärken, die Zeitungen herausgeben wie das «Bieler Tagblatt», die «Neue Fricktaler Zeitung», den «Rheintaler», die «Engadiner Post», den «Corriere del Ticino», den «Walliser Boten», die «Freiburger Nachrichten» oder das «Journal Du Jura». Genau diese Medien liefern die mediale Grundversorgung in der Schweiz, unspektakulär und nahe bei den Menschen.

Die Bewegung Courage Civil fährt ihre Kampagne online und offline. Diese wird finanziert durch Spenden und Mitgliederbeiträge.

Mehr Hintergrund zum Mediengesetz gibt es auf dieser Unterseite.